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Videoüberwachung – Der gesellschaftlich akzeptierte Voyeurismus

Der Kampf der Piraten gegen Videoüberwachung ist schwieriger als man denkt. Das konnte ich gut an unserem Freiburger Info-Stand vor der Bundestagswahl beobachten. Die Passanten gliederten sich in eine recht große Gruppe von Leuten, die „nichts zu verbergen“ haben und eine kleinere, die einigermaßen erschrocken reagierten, wenn wir auf die Überwachungskamera zeigten, die direkt über unserem Info-Stand angebracht war.

Das Problem an der Argumentation gegen Videoüberwachung ist, dass diese sich – egal ob sie etwas bei der Aufklärung von Straftaten genützt hat – immer wieder selbst bestätigt.

Ich unterscheide hierbei 5 Fälle:

  1. Ein Täter wurde aufgrund von Videoüberwachung überführt:
    Natürlich ist hier der Applaus groß, Videoüberwachung wird als toll empfunden und man fordert diese auch für Stellen, die noch nicht überwacht werden.
  2. Ein Täter wurde bei seiner Straftat zwar auf Video aufgenommen, konnte aber aufgrund schlechter Bildqualität nicht erkannt werden:
    Hier ist die Lösung natürlich einfach: Man braucht einfach bessere Videokameras und ist bereit, hier zu investieren.
  3. Ein Platz wurde zwar videoüberwacht, aber die Tat fand in einem toten Winkel statt:
    In solch einem Fall ist die Lösung klar: Der tote Winkel muss weg – am besten durch eine zusätzliche Kamera.

  4. Ein Täter konnte nicht überführt werden, weil der Ort gar nicht videoüberwacht wurde:
    Schnell werden Rufe laut, dass man – hätte man Videoüberwachung gehabt – den Täter bei seiner Tat hätte beobachten und identifizieren können. Als ich bei einer Veranstaltung den Bürgermeisterkandidaten der SPD nach seiner Haltung zur Videoüberwachung in Freiburg gefragt habe, sprang instantan ein älterer Herr im Publikum auf und forderte gleich mehr Videoüberwachung mit Verweis auf ein nicht aufgeklärtes Verbrechen in seinem Stadtteil. Ein Misserfolg durch fehlende Videoüberwachung induziert also die Forderung nach mehr.
  5. Ein öffentlicher Platz, auf dem keinerlei Verbrechen passieren, wird videoüberwacht:
    Der Grund für die Verbrechenslosigkeit ist natürlich die Videoüberwachung.

Abgesehen von so abstrakten Dingen wie Bürgerrechten und Freiheit gibt es also praktisch keine einfache Gegenargumentation gegen diesen Überwachungswahn. Im Gegenteil gibt es sogar einen Teufelskreis, denn videoüberwachte Orte strahlen das Flair von gefühlter Sicherheit aus. Deshalb müssen irgendwann andere Gegenden nachziehen, weil sie nicht als unsicher gelten wollen. Es gibt sogar Statistiken, die besagen, dass in videoüberwachten Kaufhäusern mehr Umsatz gemacht wird, da die Kunden aufgrund des erhöhten Wohlfühl-Faktors dort lieber einkaufen gehen.

In Deutschland befürworten je nach Umfrage zwischen 70 und 80 Prozent der Befragten die öffentliche Videoüberwachung. Der deutsche Durchschnittsbürger tauscht also nur all zu gern seine Freiheit gegen ein höheres Maß an gefühlter Sicherheit ein. Schon 1970 formulierte Carl Joachim Friedrich, deutsch-amerikanischer Politikwissenschaftler das drastischer, indem er sagte, dass die meisten Menschen gar nicht nach Freiheit streben, sondern froh sind, wenn andere für sie entscheiden und sie lenken.

Die große Akzeptanz von Videoüberwachung in Großbritannien kann man auf ein Ereignis von 1993 in Liverpool zurückführen. Damals wurde ein 3-jähriges Kind (James Bulger) von zwei Jugendlichen entführt und danach zu Tode gequält. Im Fernsehen wurde dann immer wieder das unscharfe Bild einer Überwachungskamera vor einem Child-Care-Center gezeigt. Daraufhin wurde der Ruf nach mehr Überwachung laut und sogar der Prime Minister John Major forderte, dass man angesichts solcher Straftaten nicht auf sogenannte Bürgerrechte pochen könne. Der Mordfall wurde übrigens auf ganz herkömmliche Art mit der Auswertung von Farbspuren aufgeklärt. Die Videokameras haben allerdings geholfen, festzustellen, dass es sich bei den Tätern um zwei Jugendliche handelte.
Zitat eines örtlichen Verantwortlichen aus Liverpool: „The system is like having 20 more officers on duty 24 hours a day who make a note of everything, never take a holiday and are very rarely off sick.“

Doch was bewirkt die Überwachung?
Eine Veränderung des Verhaltens. Im Endeffekt werden wir zu einem Volk von Schauspielern, da jedes noch so kleine Vergehen theoretisch aufgezeichnet wird und auch noch lange Zeit später zu Konsequenzen führen könnte. Wer hat schon mal versucht, vor einer Überwachungskamera unschuldig zu wirken? Man bezeichnet das auch als „panoptisches Prinzip“ bzw. „panoptische Disziplinierungseffekte“. Wer sich anders verhält als der Durchschnitt, kommt in die Situation, sein Verhalten rechtfertigen zu müssen.
Demokratie braucht aber ein gewisses Maß an Anonymität. China greift in großer Regelmäßigkeit zum Beispiel auf Aufnahmen zurück, die bei den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens gemacht wurden, um im Nachhinein noch überprüfen zu können, ob man einer gerade unbequemen Person nicht vielleicht darüber noch etwas anhängen kann.

Welchen Nutzen hat denn die Videoüberwachung?

Bringt denn die Videoüberwachung mehr Sicherheit?
Nein, da eine Kamera naturgemäß nicht eingreifen kann, wenn etwas passiert. Es kann nur im Nachhinein eine Handlung dokumentiert werden. Es ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Zivilcourage lässt nach, wenn Passanten denken, dass da die Polizei schon schnell auftauchen wird. Außerdem kann die Technik missbraucht werden – zum Beispiel durch das Abhören von Funkkameras oder zur Überwachung von Untergebenen.

Was ist denn technisch, außer der manuellen Überwachung von Bildschirmen, schon möglich?
Derzeit zum Glück noch nicht so viel wie einige Politiker gern hätten. Noch wird sehr auf Überwachung durch Personen gesetzt.

2006/2007 gab es 4 Monate lang einen Modellversuch am Mainzer Bahnhof mit 7 Kameras mit Systemen von 3 verschiedenen Herstellern. 200 Freiwillige stellten ihre biometrischen Fotos zur Verfügung, um dann im laufenden Betrieb erkannt zu werden. Der Versuch hat 210000 Euro gekostet, hat allerdings nicht zufriedenstellend funktioniert.

Man kann auch versuchen, Crowdsourcing zur Analyse der Aufnahmen einzusetzen. Die Firma Internet Eyes darf das vorerst aber wohl nicht mehr.

Es wird aber natürlich fleißig weiter geforscht. Ein prominentes Beispiel dafür ist Indect, Abkürzung für „Intelligent information system supporting observation, searching and detection for security of citizens in urban environment“. Das Projekt schlägt mit fast 15 Millionen Euro zu Buche und verfolgt das Ziel, möglichst viele Datenbanken und Videokameras zu verbinden, um den Orwellschen Plan zu realisieren, jeden überall und zu jeder Zeit überwachen zu können.

Die größte Gesichtserkennungsanlage Europas wird derzeit im Zoo Hannover erprobt – für die völlig banale Kontrolle von Jahreskarten.

Damit ist aber noch lange nicht Schluss. In Großbritannien denkt man schon über die Videoüberwachung mit Flugdrohnen aus der Luft nach. Hierbei soll es um Überwachung von Großveranstaltungen wie z.B. Demonstrationen gehen. Es kann ja schließlich nicht sein, dass jemand offen seine Meinung vertritt und das nicht auf Video festgehalten wird.

Alles im Dienste der Sicherheit – die Frage ist nur, für wen.

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Kategorien:Bürgerrechte, Piraten, Politik Schlagwörter: ,
  1. Januar 30, 2010 um 12:12 am

    Sehr guter Beitrag, danke Dir.

    Auf Infoständen wird gerne argumentiert, dass man den Münchener U-Bahn-Überfall (mit dem Roland Koch anschließend Wahlkampf betrieb) ja mit Hilfe der Videoaufzeichnung aufgeklärt habe. Dem ist nämlich nicht so: Der eine hat ein Handy geklaut und ist deswegen gefasst worden…
    http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/Haftbefehle-nach-U-Bahn-Ueberfall_aid_514819.html

    • DanceLinger
      März 16, 2010 um 12:59 am

      Guter Beitrag, finde ich auch. Gelungener Mix aus persönlicher Meinung und sachlicher Darstellung.

  2. Julia
    Februar 15, 2011 um 3:19 pm

    Ist zwar schon etwas älter der Artikel, aber man kann wohl noch kommentieren, nehme ich an.
    Du hast hier das Problem wirklich gut und umfassend dargestellt. Danke auch für die vielen weiterführenden Links.
    Habe auch schon festegestellt, dass sich schwer dagegen argumentieren lässt. Am besten hilft es immernoch, wenn man ein paar konkrete Beispiele im Hinterkopf hat. Meistens bringt das die Leute am ehesten zum Nachdenken.

    Zwei Anmerkungen/Ergänzungen noch:
    1) Man hat sogar festgestellt, dass Videokameras die gefühlte Sicherheit sogar verschlechtern können. Hinter der Überwachung vermutet man ja meist konkrete Gründe und nimmt an, dass vor allem „gefährliche“ Gegenden überwacht werden – wenn man nun in einem bisher nicht überwachten Gebiet Kameras entdeckt, kann man schnell annehmen, dass es dort nun auch irgendeine Art der Kriminalität geben müsse und sich dort ab sofort auch unsicherer fühlen.
    2) Teilweise sinkt die Kriminalität in überwachten Arealen tatsächlich – aber nach einer gewissen Zeit stellt sich ein Gewöhnugseffekt ein, wodurch sich auf lange Sicht also nichts ändert. Wenn man vom Abschreckungseffekt ausgeht, den die Kameras haben sollen, könnte man auch genauso gut Attrappen aufhängen (und diese dann auch entsprechen in den Medien als „Überwachungsmaßnahme“ groß ankündigen).

    Letztlich hängt es aber auch sehr von der Umgegung und der Art der Kriminalität ab. Während Drogendelikten schwerer nur durch Überwachung beizukommen ist, erzielt man bei der Überwachung von Parkplätzen beispielsweise ein sehr gutes Ergebnis (wie du ja auch schon schreibst), was die Verringerung von Diebstählen und Vandalismus angeht.

  1. Januar 30, 2010 um 1:11 am
  2. Januar 31, 2010 um 10:28 pm

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