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Gesellschaftlich akzeptierte Kinderfeindlichkeit

Seit ich bei den Piraten bin, setze ich mich aus Überzeugung für Bevölkerungsgruppen ein, die sonst kaum eine Lobby haben. An Infoständen versuche ich, Wählern die Notwendigkeit eines Ausländerwahlrechts klarzumachen. Ich setze mich, wo ich kann, für Barrierefreiheit ein, um beispielsweise Behinderten die Partizipation in der Politik einfacher zu machen. Auf dem Christopher Streetday und im Wahlkampf habe ich mich dafür eingesetzt, dass gleichgeschlechtliche Paare die gleichen Rechte bekommen sollen. Wir brauchen eine sozialere Politik, damit alle eine Chance haben, am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren.

Als ich mich als zweifacher Familienvater nun gestern per Twitter darüber aufregte, dass ein neues Schwimmbad im Schwarzwald Kindern bis 16 Jahren explizit den Aufenthalt im Wellness-Bereich generell verbietet, hoffte ich auf Solidarität meiner Parteikollegen. Ich sollte enttäuscht werden. Das Schwimmbad wurde mit erheblicher finanzieller Unterstützung der Gemeinden und unter Verwendung einer Landesbürgschaft gebaut. Damit ergibt sich in meinen Augen eine gewisse gesellschaftliche Verpflichtung.

Die Badleitung argumentiert zum Kinderverbot: „Dies hat den Hintergrund, dass wir Bereiche schaffen wollten, in denen die Bedürfnisse der Gäste optimal befriedigt werden. Die Palmenoase und Wellnessoase soll ein Erholungsbereich sein, wo Ruhe und Entspannung geboten wird“. Weiter heißt es „Zahlreiche echte Palmen zieren das Galaxy Schwarzwald und die Gesamtfläche im Galaxy Schwarzwald entspricht in etwa der Hälfte des gesamten Badeparadies Schwarzwald. Insofern kommen auch die Gäste im Galaxy Schwarzwald in den Genuss eines echten Karibik-Feelings“.

Echtes Karibik-Feeling gibt es anscheinend nur ohne Kinder. Auch die pauschale Vorverurteilung, dass Kinder generell laut und störend sind, ärgert mich. In anderen Bädern, in denen der Besuch mit Kindern (noch) erlaubt ist, war ich mit meiner Familie schon öfter in Wellness- und Sauna-Bereichen. Zumindest unsere Kinder sind dort noch nie störend aufgefallen – ganz im Gegenteil sind dies eher Erwachsene, die meinen, Ruheräume sind Diskussionsplattformen.

Dass man generell lieber Erwachsene als Kinder im gesamten Bad haben möchte, erkennt man auch an der Preispolitik: „Kinder ab dem 4. Lebensjahr bezahlen im Galaxy Schwarzwald den gleichen Preis wie Erwachsene.“ Wir reden hier immerhin über 18 Euro pro Person für eine Tageskarte, was bei einer vierköpfigen Familie immerhin 72 Euro für ein bisschen Planschen sind.

Auf meinen Aufreger hin, dass Familien durch diese Verbotspolitik diskriminiert werden (auch G8-Gymnasiasten können hin und wieder Wellness zur Entspannung vertragen), kamen insbesondere aus meinem Piratenumfeld Antworten, die mich sehr verstörten. Hier eine Auswahl:

Das war nur eine kleine Auswahl der eher kinderfeindlichen Kommentare aus meinem Piraten-Umfeld, die nicht nur Kindern generell Lautsein unterstellen, sondern auch postulieren, dass Eltern sich dem Diktat der Kinderlosen nunmal ohne zu Murren zu fügen haben. Wer sich Kinder anschafft, darf halt nicht mehr überall hin – so der Konsenz. Einige Piraten fabulierten gar über Haftungsprobleme des Betreibers, wenn Kinder reingelassen werden oder rechtliche Problematiken bezüglich der Nacktheit in Saunen – die Kinder könnten ja blind werden.

Eine „Piratin“ (ich schreibe das ganz bewusst) bloggte dann auch „Vor allem könnten gestresste Eltern ihre Kleinen einer anderweitigen Betreuung ihres Vertrauens überlassen und alleine diese Ruheoase genießen.“

Solche Aussagen implizieren, dass Eltern im Allgemein lieber ihre Kinder abschieben, um ihre Ruhe zu haben. Das Gegenteil ist aber der Fall. In solch ein Bad geht man als arbeitender Familienvater in seiner eher spärlichen Freizeit. Meine Freizeit ist aber die einzige Zeit, die ich für meine Kinder nutzen kann. In einer intakten Familie genießt man diese gemeinsame Zeit mit den Kindern. Das können Kinderlose vermutlich nicht verstehen.

Kinder haben anscheinend keine Lobby. Warum? Das möchte ich an den folgenden Beispielen erläutern. Man stelle sich vor, in dem genannten Bad wären keine Kinder, sondern andere Gruppen verboten. Versuchen wir es mal:

  • „Staatsbürger aus Land [insert your favourite country here] haben keinen Zutritt zu diesem Bereich! Sie sind bekannt dafür, immer laut zu reden.“
    Der Aufschrei in der Gesellschaft und bei den Piraten wäre zu Recht groß, denn das würde allgemein als Diskriminierung bezeichnet werden.
  • „Bitte keine Hartz IV-Empfänger in diesem Bereich, um soziale Spannungen zu vermeiden!“
    Hier auch: Ein gigantischer Aufschrei wäre zu Recht zu erwarten.
  • „Kein Zutritt für Homosexuelle! Sie verstören die anderen Gäste.“
    Auch natürlich ein No-Go und würde dementsprechend politisch bekämpft. Wahrscheinlich käme es zu Spontandemos.
  • „Geistig Behinderte wegen eventueller Lärmbelästigung nicht erwünscht!“
    Na? Richtig geraten! Ein berechtigter Aufschrei wäre die Folge.

Ein Schild mit „Kinder verboten!“ kann man aber problemlos aufhängen. Kinder sind halt keine vollwertigen Menschen. Kinder haben keine Lobby. Die meisten Eltern haben viel zu viel um die Ohren, um sich politisch zu engagieren und Kinder dürfen nicht wählen. Außerdem werden es eh immer weniger. Wen kümmern die schon?

Als Alternative wäre ein „Bitte Ruhe!“-Schild angemessen. Man könnte dann auffällig laute Personen – und das müssen nicht immer Kinder sein – diskret des Raumes verweisen.

Durch mein Engagement bei den Piraten mussten meine Kinder schon oft auf meine Anwesenheit verzichten. Ich hoffe, ich muss ihnen nicht irgendwann erklären, dass ich immer so oft weg war, weil ich mich bei einer Partei engagiert habe, die sich für Kinderverbote einsetzt.

Vielleicht sollte ich einen entsprechenden Kinderverbotsantrag für Wellnesseinrichtungen, 4-Sterne-Restaurants oder Erholungsgrünflächen bei einem BPT einreichen und schauen, was passiert. Danach hätte ich zumindest die Gewissheit, ob das noch meine Partei ist, für die sich ein Engagement lohnt.

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Kategorien:Piraten, Piratenpartei Schlagwörter: ,
  1. Borys
    August 23, 2011 um 10:54 am

    Ich bin geschockt. Ein Glück für meine Nerven, das ich gestern Twitter-Abstinent war.
    Bestätigt mir dies aber leider einen immer wieder auftauchenden unterschwelligen Verdacht.

    Das Leben mit Kindern, versteht der der Kinder hat!

    Danke für den Artikel.

    Gruß Borys

  2. August 23, 2011 um 11:00 am
  3. August 23, 2011 um 11:04 am

    Ich muss sagen, dass ich das Kinderverbot nicht nachvollziehbar finde. Ich (selbst kinderlos) kann allerdings in Deutschland oft genug Kinder beobachten, die nervig und laut sind. Dies liegt nun nicht an den Kindern selbst, sondern eher an genervten und gestressten Eltern, die ihre Stimmung 1 : 1 auf ihre Kinder übertragen, die ihrerseits dann eben so reagieren, wie sie es tun. Oder es liegt daran, dass es hier zu wenig Freiräume für Kinder gibt, die dann eben unausgelastet sind und entsprechend auffällig – auch das ist nicht den Kindern selbst anzulasten. Ich habe als Kind regelmäßig meine Urlaube in Italien verbracht, wo Kinder ganz selbstverständlich überall dazugehören, vom Thermalbad bis hin zu Restaurants jeder Preisklasse. Sie werden nicht nach dem Sandmännchen ins Bett geschickt, sondern man wartet abends einfach, bis sie umfallen (vor Müdigkeit). Sie müssen nicht am Tisch sitzen, wenn nicht gegessen wird etc. Ähnliches habe ich bei afrikanischen Eltern mit ihrem Nachwuchs beobachtet – sie gehören dazu, sind mittendrin, und die Eltern sehen das als Selbstverständlichkeit. Das hat zur Folge, dass alle entspannter sind.
    Ich sehe also diesen konkreten Fall nicht als Problem an sich, sondern als ein Symptom unter vielen in unserer Gesellschaft, die Kinder in etwa so zu betrachten scheint wie exotische Schlangen.Immerhin ist dies das Land, das einem Hund mehr Platz zubilligt als einem Kind.
    Persönlich denke ich auch, dass ein „Bitte Ruhe“-Schild ausreicht, um das Anliegen zu verdeutlichen, und wer nicht ruhig ist, fliegt raus, egal welchen Alters er ist. Ich denke trotz der eher trüben und für mich unverständlichen Reaktionen, dass man in der Piratenpartei durchaus eine Mehrheit für eine wirklich kinderfreundlichere Politik finden kann.

    Viele Grüße
    Anne (aus dem LV Hamburg, btw)

  4. August 23, 2011 um 11:45 am

    Oh wow… Das sind krasse Replies, die Du da bekommen hast. Gut, daß das live an mir vorbei ging, das hätte mein Blutdruck anregend gefunden.

    Wenn ich mich der politischen Meinungen innerhalb meiner Partei schämen möchte, kann ich gleich bei der CDU unterschreiben…. M(

  5. Rudi
    August 23, 2011 um 12:36 pm

    Ich denke, daß sich innerhalb der Piraten eine Mehrheit für eine kinderfreundliche Politik organisieren läßt. Deshalb bin ich dabei die AG Familie zureaktivieren. Näheres siehe wikki. Dicker engel ist auch schon geplant.

  6. August 27, 2011 um 9:50 am

    Es gab auch mal Tweets zum Thema Kinderverbot in ICEs…
    D ist in vielen Regionen nunmal sehr kinder (und Eltern) feindlich und deswegen haben wir eine geringe Geburtenrate. In der allgemein gesellschaftlichen Kinderfeindlichkeit sind leider (noch) nicht (alle) Piraten eine Ausnahme.
    Aber wenn ersmal allen im Alltag klar wird, wie es ist, wenn immer und überall einem nur „die ältere“ Generation begegnet, wenn erstmal die Innstadt nur noch das anbietet, was diese Generation mag/kauft – dann werden alle umdenken, aber es ist dann für schnellen Wandel zu spät.

  7. poppenia
    Oktober 30, 2011 um 8:38 pm

    Zitat:
    „Als Alternative wäre ein „Bitte Ruhe!“-Schild angemessen. Man könnte dann auffällig laute Personen – und das müssen nicht immer Kinder sein – diskret des Raumes verweisen.“

    Genau das ist die einzige Möglichkeit, einen _Ruhebereich_ einzurichten. Es geht um Ruhe nicht um Erwachsene.

    Danke für den Beitrag und ich hoffe mit Dir, dass Du Deinen Kindern nicht erzählen musst, dass die fehlende Zeit mit Ihnen dazu führt, dass andere Kinder noch weniger Zeit mit ihren Eltern haben.

    Btw: _Jeder_ Mensch war mal Kind. Es ist erstaunlich, wieviele das vergessen.

  8. HenryG.
    Oktober 31, 2011 um 12:48 am

    Hallo André

    Dein Artikel ist erschreckend. Es ist aber gleichzeitig wohltuend, dass Du das hier öffentlich anprangerst.

    Ein Kinderverbot ist eine Altersdiskriminierung die wiederum dem Gleichheitssatz (Artikel 3, Absatz 1) des Grundgesetzes wiederspricht.

    Die Reaktionen aus dem „Piratenumfeld“ zeigen mir, dass bei der jahrelangen Aushöhlung elementarer Grundrechte auch in den Köpfen der Menschen ganze Arbeit geleistet wurde. Es gilt diese Entwicklung umzukehren.

    Du stehst mit Deiner Meinung nicht alleine. Wer das noch so sieht möge hier posten.

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