Archiv

Autor-Archiv

Gemeinschaftsschule Gundelfingen – Warum für uns das Experiment nach einem Jahr beendet ist

März 18, 2017 5 Kommentare

Vorwort

Schon seit Jahren bin ich auf politischer Ebene großer Verfechter der Idee, dass Kinder länger gemeinsam in einem individuellen Kurssystem lernen sollten und habe an Partei-Infoständen und bei Podiumsdiskussionen in zahlreichen Fällen versucht, meine Mitmenschen von dem Modell der Gemeinschaftsschule zu überzeugen. In der Theorie ist das Modell mit seiner Kompetenzmatrix und der Möglichkeit, in einigen Fächern mehr und in anderen weniger tief in die Materie einzutauchen, sehr gut. Es gibt auch Schulen, an denen das offenbar gut in die Praxis umgesetzt wird.

Im Folgenden muss ich leider über unsere Erfahrungen an einer Schule schreiben, an der das Konzept ungenügend umgesetzt worden ist und wir nach einem Jahr die Konsequenz gezogen haben, dass wir unser Kind dort wegholen müssen, um Schlimmeres zu verhindern. Mit diesem Text möchte ich dazu beitragen, dass Eltern, die sich den Besuch der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule in Gundelfingen (bei Freiburg) überlegen, genau wissen, worauf sie sich dort eventuell einlassen. Es mag sein, dass einige Kinder mit der Art der Schule gut zurechtkommen. Für uns war es ein verlorenes Jahr und wir bereuen, uns auf dieses Experiment eingelassen zu haben.

Unsere Schulwahl

Wir haben zwei Kinder. Während bei Kind 1 alles recht rund lief und es derzeit das Gymnasium besucht, war es bei Kind 2 etwas mehr durchwachsen. Am Ende der 4. Klasse teilte man uns mit, dass es in Mathematik zu den Besten seiner Klasse gehöre und mit dem Fach auf dem Gymnasium gut mitkommen würde, aber es in Deutsch leider schlechter aussähe. Das Modell der Gemeinschaftsschule schien daher wie perfekt gemacht für diesen Fall, da beide Fächer individuell auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen gelehrt werden könnten.

Das Versprechen der Transparenz

Bei der Schulvorstellung an der Gemeinschaftsschule Gundelfingen am 13.07.2015 sagte man uns, dass man sich bemühen werde, jede Woche einen kleinen Lernstandsbericht in ein Heft namens „Albert-Planer“ einzutragen – die Einbeziehung der Eltern sei ihnen sehr wichtig. Für uns war das eines der wichtigsten Argumente für die Schulwahl. Wir sind keine Helikopter-Eltern, aber grundsätzlich möchten wir schon wissen, wie sich unser Kind in der Schule entwickelt, damit wir gemeinsam zu Hause üben können, wenn es mal Schwierigkeiten gibt.

Es wurde uns das Modell der Kompetenzmatrix und den damit verbundenen Gelingensnachweisen vorgestellt. Dieses sollte dazu führen, dass die Kinder individuell unterschiedlich schnell im Stoff voranschreiten können und gleichzeitig klar ist, wo sie in Bezug auf ihre Leistung stehen. Es wurde aber auch angemerkt, dass das Modell der Gemeinschaftsschule an der ehemaligen Werkrealschule erst in das zweite Jahr ginge und daher noch nicht alles rund liefe – man sei aber dankbar für Feedback von der Elternschaft und bereit, etwas zu ändern, wenn man feststelle, dass es Verbesserungsbedarf gäbe.

Der Elternbeirat

Da sich am ersten Elternabend – wie leider an so vielen Schulen – alle wegduckten, als die Frage aufkam, wer denn Elternsprecher im Elternbeirat werden möchte, habe ich mich bereiterklärt, das zu übernehmen. Ich fand die Idee spannend, bei einer neuen Schulform gestaltend mitwirken zu können. In dem Zuge habe ich unter anderem mit einem der ehrenamtlichen Helfer dort eng zusammengearbeitet und ihn über unsere Computertruhe mit kostenlosen Laptops versorgt, mit denen er Leseprojekte mithilfe einer Spezialsoftware mit schwächeren Schülern durchführen konnte. Vielen Dank an dieser Stelle an die Ehrenamtlichen dort, die wirklich einen tollen Job machen, aber leider nicht herausreißen können, was an anderer Stelle kaputt gemacht wird.

Informationsdefizit bei den Eltern

Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, wurde uns so langsam klar, dass es keine wöchentlichen Lernstandsberichte gab. Es gab offenbar nicht einmal monatlich ein Feedback. Es gab bis zum ersten Halbjahreszeugnis letztendlich gar keines. Ich sprach den Schulleiter in einer der Elternbeiratssitzungen auf die Diskrepanz zum Anfangsversprechen an. Er gab zu, dass man das Thema unterschätzt hätte und hier seinem Anspruch nicht gerecht wurde. Als ich das Thema bei der nächsten Elternbeiratssitzung nochmals ansprach, konnte er sich plötzlich nicht mehr erinnern, das wöchentliche Feedback an die Eltern überhaupt jemals versprochen zu haben. Die Elternbeiratsvorsitzende riet mir gar, ich müsse lernen, loszulassen. Mir fehlten ehrlich gesagt die Worte. Wir sprachen hier immerhin über Fünftklässler und Eltern, die gern ihre Kinder unterstützen würden, aber von der Schule von jeglicher Information ausgeschlossen wurden.

Die Unterrichtsinhalte

Da offenbar die Schulleitung keine Antwort auf die Frage hatte, wie wir als Eltern überhaupt nachvollziehen sollen, was die Kinder dort lernen, gingen wir auf den Klassenlehrer zu, der hauptsächlich das Fach Deutsch unterrichtete. Er gab uns keine direkte Antwort, sondern empfahl uns, in den Arbeitsordner unseres Kindes zu schauen, der an dem Arbeitsplatz des Schülers in der Schule stand. In diesem war aber so gut wie nichts enthalten. Damit konfrontiert, räumte er ein, dass die meisten Übungsaufgaben auf abwischbaren, laminierten Zetteln gemacht würden, die man immer wieder verwende. Ich habe bis heute nicht herausfinden können, was die Schüler dort tatsächlich im Unterricht gemacht haben. Das ganze Jahr über haben wir übrigens auch kein einziges Diktat oder Aufsatz zu sehen bekommen. Leider konnten wir auch nicht, wie an anderen Schulen, anhand von Hausaufgaben nachvollziehen, was die Kinder gerade für einen Stoff lernen und ob sie damit zurechtkommen. Es handelt sich nämlich um eine Ganztagsschule, in der es keine Hausaufgaben gibt.

Die Gelingensnachweise

Grundprinzip der Gemeinschaftsschule ist es, dass es keine gemeinsamen Klassenarbeiten gibt, sondern dass die Kinder sich selbst, wenn sie sich dazu bereit fühlen, zu einem Gelingensnachweis anmelden. Unterstützung dabei sollte von Lern-Coaches kommen, die regelmäßig die Situation mit den Kindern beraten. Erst sehr spät ist uns aufgrund komplett fehlender Informationen seitens der Schule klar geworden, dass wir als Eltern offenbar weder darüber informiert wurden, wann ein solcher Test stattfinden würde, noch welches Thema er hat. Unser Kind hatte sich offenbar schon erfolglos an Gelingensnachweisen versucht, ohne dass wir davon als Eltern vorher oder nachher Kenntnis hatten und gemeinsam hätten üben können. Wir hatten aber auch im Nachhinein keinen vom Lehrer korrigierten Test mit nach Hause bekommen. Ich hakte nach und musste mir vom Schulleiter erklären lassen, dass man einem Netzwerk von Schulen angehöre, das gemeinschaftlich die Lerninhalte erarbeite und die Gelingensnachweise aufgrund einer Urheberrechtsproblematik nicht die Schule verlassen dürften. Als jemand, der politisch für mehr Transparenz, eine Reform des Urheberrechts und freie Lerninhalte streitet, war ich ziemlich geschockt. Mit anderen Worten, damit das nochmal klar wird: Die Kinder melden sich ohne Kenntnis der Eltern zu einem Test an und der geschriebene Test wird den Kindern nicht zur Mitnahme ausgehändigt. Somit können die Eltern weder die Benotung nachvollziehen, noch sehen, wo die Stärken und Schwächen der Kinder sind – geschweige denn, dass sie überhaupt erfahren, dass es einen solchen Test gegeben hat. Selbst bei mehrfachen erfolglosen Versuchen, einen solchen Test zu bestehen, kamen die Lehrer nicht auf die Idee, mal die Eltern darüber in Kenntnis zu setzen bzw. das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Das ist völlig inakzeptabel!

Mit der freiwilligen Anmeldung zu Gelingensnachweisen gibt es zusätzlich das Problem, dass Kinder, die weniger Ehrgeiz mitbringen, weniger Selbstvertrauen haben oder gar Angst vor bestimmten Lehrern haben, womöglich gar keine Tests schreiben. Deshalb regte ich an, dass man die Eltern in irgendeiner Form über den durchschnittlichen Lernstand der Klasse unterrichten könnte. Die Eltern wären dann in der Lage zu beurteilen, ob ihr Kind irgendwie mitschwimmt, den anderen voraus ist oder gerade abgehängt wird. Man lehnte das ab, da man keinen Konkurrenzkampf zwischen den Kindern wolle. Gerade der spielerische Konkurrenzkampf an der vorherigen Schule war es aber, der bei unserem Kind zu den guten Leistungen in Mathematik und großer Motivation geführt hatte.

Individuelles Lernen versus Klassengröße

Die Klassen waren mit jeweils 26 Schülern relativ groß. In den individuellen Lernstunden waren die Kinder teilweise über mehrere Räume verteilt. Die Betreuer hatten praktisch keine Chance, wirklich alle Kinder ausreichend im Blick zu haben. Wenn ein Kind es also geschickt anstellte, konnte es in den Lernstunden einfach gar nichts machen und keinem fiel es auf.

DiLer

DiLer steht für „Digitale Lernplattform“. Hierbei handelt es sich um eine Website, mit der man die Eltern in die Lage versetzen möchte, den Lernfortschritt der Kinder zu beobachten. Die Seite befindet sich noch im Aufbau und wurde im Laufe des Schuljahres nur sehr zaghaft mit Informationen gefüllt. Mein Versuch, über die enthaltene Nachrichtenfunktion mal mit einer Lehrerin in Kontakt zu treten, war leider erfolglos. Ich fragte dann mündlich nach, um mir anzuhören, dass man als Lehrer nicht bei jeder neumodischen Sache mitmachen müsse.

Auf der Plattform sollen wohl auch Lerninhalte hinterlegt werden, die aber meines Wissens nach nur den Lehrern zur Verfügung stehen werden. Die Nutzung der Plattform ist nach meinem Verständnis auch Ursache für das oben genannte Urheberrechtsproblem mit den geschriebenen Tests.
Generell finde ich solch eine Plattform als Ergänzung zu den üblichen Kommunikationswegen eine gute Sache. Wenn aber auch schon die herkömmlichen Wege nicht genutzt wurden, wüsste ich nicht, warum es sich mit einem neuen Tool bessern sollte. Außerdem wäre es bei der Nutzung einer solchen Plattform sinnvoll, die Eltern in der Benutzung zu schulen. Nicht jeder ist unbedingt so computeraffin, dass er ohne Erklärungen damit zurechtkommt.

Die Zukunftsaussichten

Für Eltern ist es immer eine sehr schwere Entscheidung, die Kinder aus dem gewohnten Umfeld herauszureißen und bei einer anderen Schule anzumelden. Ich hatte deshalb kurz vor Ende der Sommerferien nochmals einen Anlauf unternommen, um vom Schulleiter wenigstens das Versprechen zu bekommen, dass die Schule in Zukunft sicherstellt, dass die Kinder Termine und Themen von geplanten Gelingensnachweisen für die Eltern notieren. Das Versprechen bekam ich nicht. Es wurde mir nur zugesagt, dass das im Kollegium nochmals diskutiert werden würde. An der Praxis, dass die Kinder die geschriebenen Klassenarbeiten nicht mit nach Hause nehmen dürfen, würde sich aufgrund der Urheberrechtsproblematik leider auch nichts ändern können. Ich solle mir aber keine Sorgen machen, da die Lehrer im nächsten Schuljahr alle mit iPads ausgerüstet werden würden und somit über DiLer mehr Kontakt zu den Eltern halten könnten. Ich bin aber Informatiker und dem Versprechen, dass man mit dem Einsatz neuer Technik Kommunikationsprobleme lösen könnte, gehe ich schon lange nicht mehr auf den Leim. Weil mir also klar wurde, dass auch im nächsten Schuljahr nichts besser werden würde, haben wir uns zum Schulwechsel entschlossen.

Fazit

An der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule in Gundelfingen

  • gibt es kein regelmäßiges Feedback von den Lehrern an die Eltern – eigentlich gab es bei uns außer den Halb- und Ganzjahreszeugnissen gar keines
  • aufgrund der Konzeption als Ganztagsschule gibt es keine Hausaufgaben, an denen die Eltern den momentanen Unterrichtsstoff ablesen könnten
  • erfährt man nicht, wann das Kind einen Test schreiben wird und was er zum Thema hat
  • kann man seinem Kind daher nicht helfen, sich auf einen Test vorzubereiten
  • bekommt man einen geschriebenen Test aus urheberrechtlichen Gründen nicht mit nach Hause
  • und kann somit überhaupt nicht nachvollziehen, ob das Kind mitkommt oder nicht, wo es Stärken und Schwächen hat und ob die Benotung überhaupt korrekt ist.

Diese Schule ist dann eine Option, wenn das Kind sich sehr selbständig durch die Unterrichtsinhalte kämpfen und sich eigenständig motivieren kann, sich zu immer neuen Gelingensnachweisen anzumelden und wenn man als Eltern eigentlich gar nicht so genau wissen möchte, was das Kind da den ganzen Tag treibt und im Grunde nur froh ist, dass es möglichst lange in einer Ganztagsschule untergebracht ist.
Ich persönlich kann zumindest in der derzeitigen Ausgestaltung nicht empfehlen, sein Kind auf die Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule zu schicken. Alles scheint noch in der Beta-Phase zu sein. Eltern möchte man dort nicht mit einbinden. Kritik an der Ausgestaltung führt zu keiner Reaktion seitens der Verantwortlichen. Ein Änderungswille ist kaum erkennbar, weil man aufgrund des allgemein guten Images von Gemeinschaftsschulen wohl derzeit sowieso genügend Anmeldungen erhält. Ich habe den Eindruck, dass die Umstellung von der Werkreal- zu einer Gemeinschaftsschule in diesem speziellen Fall nur erfolgte, weil man die Schule angesichts sinkender Anmeldezahlen retten wollte. Mit Überzeugung scheint dort niemand an das Thema herangegangen zu sein.

Es reicht, dass wir diese Erfahrung gemacht haben. Wenn ich anderen, die große Erwartungen mit dieser speziellen Schule verknüpfen, dieses Drama ersparen kann, hat sich dieser Text schon gelohnt.

Erfahrungen nach dem Schulwechsel

Wie anfangs erwähnt, war unser Kind in der Grundschule in Mathe ziemlich gut. Am Ende des Schuljahres auf der Gemeinschaftsschule stand im Zeugnis, dass es in Mathe nicht in allen Belangen den Mindeststandard erreicht hätte (wohlgemerkt ohne, dass sich die Lehrerin jemals bei uns gemeldet hätte). Jetzt, nach dem Wechsel auf eine Realschule, liegt unser Kind wieder bei einer guten 2 und anhand von Klassenarbeiten und Hausaufgaben wissen wir auch genau, was dort passiert. Wir haben die Wechselentscheidung nicht eine Sekunde lang bereut.

Ergänzung vom 19.3.17
Da offenbar missverständlich ist, was es mit der wöchentlichen Rückmeldung im sogenannten Albert-Planer auf sich hatte, hier noch eine kleine Konkretisierung:

Die regelmäßige kleine wöchentliche Rückmeldung war nichts, was wir ursprünglich verlangt haben, sondern es war vielmehr das Werbeargument mit dem der Schulleiter bei der Schulvorstellung versucht hat, die anwesenden Eltern von einer Anmeldung ihrer Kinder auf der Schule zu überzeugen, weil man ja so „offen und transparent“ sei. Ich habe den Schulleiter in den Elternbeiratssitzungen lediglich an seine eigenen Aussagen erinnert und erwähnt, dass ursprünglicher Anspruch und konkrete Umsetzung gewaltig auseinanderklaffen. Seine Reaktion darauf habe ich oben beschrieben.

Zum Vorwurf, der auch über Twitter kam, wir seinen offenbar doch Helikoptereltern sei nur gesagt, dass wir auf der jetzigen Realschule im bisherigen Schuljahr genau bei drei Gelegenheiten mit dem Klassenlehrer gesprochen haben: beim Elternabend, bei einem Klassengrillfest und bei einem von der Schule organisierten Elternsprechtag. Mehr war auch gar nicht nötig, weil wir jetzt durch den Einblick in die ausgehändigten Klassenarbeiten und aufgegebenen Hausaufgaben genügend über den Lernfortschritt unseres Kindes erfahren. Und ja, die Klassenarbeiten werden auch vorher angekündigt, weshalb man dafür sogar üben kann.

Mir ist bewusst, dass das Thema Gemeinschaftsschule im Diskurs bisweilen gar religiöse Züge annimmt, was aber bitte nicht dazu führen sollte, meinen Text hier mutwillig fehlzuinterpretieren. Das eigentliche Konzept der Gemeinschaftsschule halte ich immer noch für sehr gut, nur die konkrete Ausgestaltung an der hier genannten Schule ist – vorsichtig formuliert – suboptimal. Ich selbst habe lange politisch für die Gemeinschaftsschule gekämpft und bin vielleicht gerade deshalb so maßlos enttäuscht darüber, dass es offenbar Schulen gibt, die das Konzept nur als Vehikel nutzen, um als ehemalige Werkrealschule nicht von einer Schließung bedroht zu sein und ansonsten gar nicht dahinter stehen.

Advertisements
Kategorien:Schule

Daimler und das Terrorscreening

Januar 5, 2015 1 Kommentar

Da momentan sich sowohl die Presse als auch einige Piraten geradezu reflexartig darüber echauffieren, dass bei Daimler nun eine Betriebsvereinbarung zum Terrorscreening der Mitarbeiter abgeschlossen wurde, möchte ich die Debatte hier ein wenig mit Fakten unterfüttern.

Vorweg
Staatliche Terrorlisten sind meiner Ansicht nach in erster Linie Ausdruck einer zur Schau gestellten Hilflosigkeit einer Regierung gegenüber Terrorismus. Im besten Fall funktionieren sie einfach nicht. Im schlimmsten Fall müssen Bürger wegen zufälliger Namensgleichheiten oder Fehlern auf der Liste die Hölle auf Erden durchmachen.

Ich selbst bin Betriebsratsvorsitzender in einem Unternehmen mit etwa 1000 Mitarbeitern und habe mich mit der Thematik des betrieblichen Terrorscreenings notgedrungen schon beschäftigt.

Notwendigkeit
Im Grunde haben Unternehmen gar keine andere Wahl als das Terrorscreening durchzuführen. Die rechtlichen Hintergründen sind in diesem Text recht gut dargestellt. Das Terrorscreening geht auf eine EU-Verordnung von 2001 zurück. Die Terrorlisten sind öffentlich. Viele Firmen haben schon länger von Hand gescreent.

Warum wird das aber jetzt plötzlich Thema für viele Betriebsräte? Weil es mittlerweile Softwarelösungen wie Zerberus von der Firma Diehl gibt, die automatisch die Mitarbeiterdatenbanken im Unternehmen gegen die Terrorlisten abgleichen. Beim automatisiertem Verarbeiten von Mitarbeiterdaten ist laut Betriebsverfassungsgesetz aber der Betriebsrat mit hinzuzuziehen. Deshalb werden jetzt gerade überall Betriebsvereinbarungen dazu abgeschlossen.

Was kann ein Betriebsrat dagegen tun?
Prinzipiell gar nichts. Er könnte sein Einverständnis verweigern und dadurch versuchen, die Firma dazu zu zwingen, das Screening zu unterlassen. Vor einer Einigungsstelle würde der Betriebsrat damit aber wohl nicht durchkommen. Und wenn er durchkäme? Dann würde das Gesetz unter Umständen zuschlagen. Zitat: „Nach § 34 Außenwirtschaftsgesetz wird der vorsätzliche Verstoß mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren und der fahrlässige Verstoß mit Geldstrafe oder mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu drei Jahren geahndet.“

Was sollte ein Betriebsrat versuchen?
Da Betriebsräte diese Art von Screening nicht wirksam verhindern können, kann man nur versuchen, die Auswirkungen zu begrenzen. So sollte man vereinbaren, dass Bewerber, die aufgrund ihres Vorkommens auf der Terrorliste nicht zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden dürfen, über diesen Grund informiert werden, damit sie überhaupt eine Chance bekommen, sich dagegen zu wehren.

Außerdem sollte der Betriebsrat versuchen zu vereinbaren, dass Mitarbeiter, die plötzlich auf Terrorlisten auftauchen, von der Firma rechtlich unterstützt werden, um diesen Status zu klären. Hier gibt es aber noch keine Verfahren und höchstwahrscheinlich würde solch ein Verfahren vor dem EuGH landen, was finanziell für kleine Firmen zu einem Risiko werden könnte. Daimler sollte aber in der Lage sein, ein solches Verfahren durchzuziehen, wenn es notwendig werden sollte.

Lohnfortzahlung
In solchen Betriebsvereinbarungen ist normalerweise geregelt, dass die Lohnfortzahlung für den Mitarbeiter eingestellt wird. Das ist aber auch nur Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften. Würde die Firma trotz Kenntnis des Terrorlisteneintrags weiterhin Geld zahlen, würde sich die Geschäftsleitung strafbar machen (siehe §34 oben). Personen auf Terrorlisten haben aber in der Regel von heute auf morgen sowieso kein Bankkonto mehr. Die Firma könnte also nicht mal zahlen. Selbst wenn sie es wollte.

Internationale Problematik
Das Terrorscreening geht auf eine EU-Verordnung zurück. Würde der Bundestag nun im Alleingang entscheiden, dass die deutschen Firmen nicht mehr screenen sollen, würden sie das Problem bekommen, dass ausländische Firmen nach ihrer eigenen Gesetzgebung dann keinen Handel mehr mit deutschen Firmen treiben dürften. Deutschland würde nach dieser (natürlich ziemlich schwachsinnigen) Betrachtung rein rechtlich zu einem „Safe Harbor“ für Terroristen. Deshalb kann das Thema nur auf EU-Ebene angegangen werden.

Fazit
Dass bei Daimler und vielen anderen Firmen Abgleiche mit Terrorlisten gemacht werden, ist keine Schuld von Daimler oder dessen Betriebsrat. Hier ist der Gesetzgeber schuld. Ich würde mir deshalb wünschen, dass hier nicht unreflektiert auf dem Betriebsrat von Daimler herumgehauen, sondern die Thematik differenzierter beleuchtet werden würde.

Den Überwachungsstaat kann man nur auf politischer Ebene bekämpfen. Das sollte dann aber auch möglichst mit sachlichen Argumenten passieren und nicht mit Empörung über alles und jeden – vor allem nicht über Betriebsräte, die eigentlich nur versuchen, das Beste aus dem Gesetzschlamassel zu machen.

iFön

Kürzlich ist mir eine Geschichte passiert, die ich für reichlich absurd halte und die meiner Ansicht nach ein ziemlich schlechtes Licht auf Apple wirft. Damit auch andere erfahren, wie die Lösung zu dem Problem aussah, schreibe ich diesen Post.

Was war passiert?
Ich hatte bei eBay ein iPhone 4S geschossen, um es zu verschenken. Es kam in sehr gutem Zustand an. Als es dann über iTunes aktiviert war, stellte ich fest, dass sich das WLAN nicht aktivieren ließ. Der Button war ausgegraut und hatte keine Funktion.

Der erste Weg führte natürlich zu Google und dort musste ich feststellen, dass der Suchstring „iPhone 4S WLAN“ gleich mit „… geht nicht“ ergänzt wurde. Ich war also nicht allein mit dem Problem. Aus den Forenbeiträgen (die meisten davon aus dem Januar 2013) wurde schnell klar, dass es irgendwie mit dem Update auf iOS 7 zu tun haben musste. Die meisten Erklärungsversuche waren allerdings ziemlich hanebüchen. Einige glaubten an ein Hardware-Problem mit einem durch iOS 7 überlasteten WLAN-Chip.

Es gab dort auch viele Vorschläge wie „mach einen Factory-Reset“, „setze die Netzwerkeinstellungen zurück“, „mach eine Systemwiederherstellung“, usw. Ich habe das alles erfolglos ausprobiert. Der Button blieb grau.

Auch in den genannten Forenbeiträgen berichteten viele von der Erfolglosigkeit dieser Versuche, gaben dann auf und suchten im nächsten Apple-Store Hilfe. Dort erklärte man ihnen in der Regel, dass das Problem absolut unbekannt, die zwölfmonatige Garantie um sei und man dort für rund 220 Euro eine Reparatur durchführen lassen könne. Es gibt wohl auch Firmen, die sich auf die Reparatur dieses speziellen Fehlers spezialisiert haben.

Bei der Recherche bin ich mehrmals über Seiten gestolpert, die behaupteten, man könne das Problem mit einem Fön(!) beseitigen. Als Informatiker in einer Halbleiterfirma fiel es mir ehrlich gesagt schwer, das zu glauben. Einige äußerte die Theorie, man könne mit dem Fön kalte Lötstellen reparieren. Das ist aber Blödsinn. Die Temperatur, die dabei erreicht wird, reicht dafür nicht annähernd aus. Renommierte Fachmagazine warnten dann auch vor „dubiosen Anleitungen“, die im Netz kursieren und um die man gefälligst einen Bogen machen sollte.

Ich stieß dann auf die folgende Seite: How to Fix Wi-Fi Greyed Out on iPhone 4S in iOS 7
Die Theorie dort war, dass der Fehler durch absichtliches Auslösen des Temperaturalarms korrigiert werden könnte. Ich habe es dann in meiner Verzweiflung probiert und siehe da: es hat funktioniert.

Eines der größten Probleme des iPhones ist, dass es weder einen Hardreset kennt oder die Möglichkeit gibt, den Akku mal eben rauszunehmen und damit alles stromlos zu bekommen. Das klassische „did you try to turn it off an on again“ geht so also nicht so einfach. Ich vermute, dass der Temperaturalarm dies in diesem Fall für den WLAN-Chip erreicht. Beim Update auf iOS 7 wird durch einen Bug vermutlich irgendein Register falsch beschrieben, was zu dem Fehlverhalten führt. Der Temperaturalarm schalten den Chip ab, um ihn vor Schäden zu schützen, löscht somit diesen fehlerhaften Inhalt und beim nächsten Start wird das Register korrekt neu beschrieben und alles geht wieder.

Das ist wie gesagt nur eine Vermutung. Laut Apple existiert das Problem ja bis heute nicht. Solche Dinge können nur Privatleute rausfinden und nicht eine Multimilliardendollar-Firma, die alle Konstruktions- und Schaltpläne besitzt – schon klar.

Kurz gesagt: Es ist eine Frechheit, wie Apple mit diesem Problem umgeht. Wer weiß, wie viele von diesen iPhones schon in Applestores mit einem Fön im Hinterzimmer repariert wurden und dann dem Apple-Jünger 220 Euro für diesen „großen Reparaturaufwand“ abgeknöpft wurden.

Die Aussagen sind natürlich ohne Gewähr. Wer das probiert, macht das auf eigenes Risiko. Wem das sprichwörtlich zu heiß ist, kann natürlich auch weiterhin Apple mit Geld für die Reparatur beglücken. Bei mir hat’s geklappt.

Kategorien:Uncategorized

Meine Musik geht online

Von Mitte der 90er an hatte ich einige Jahre lang als Mitglied des Brainvibes-DJ-Teams die Techno-Clubs im Norden Deutschlands unsicher gemacht und einiges an eigener Musik (Hardtrance und Progressive House) unter den Pseudonymen „Navigate„, „Tranceport 23“ und „DJ Andrum“ produziert. Eine (unvollständige) Liste der Platten (damals noch auf schönem Vinyl) findet man bei discogs. Zwei Musikvideos hatten wir damals auch gemacht, von denen eines sogar auf Viva lief. Vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere an die Sendung „Housefrau„.

Damals hatte ich Verträge mit drei verschiedenen Labels, einem Musikverlag und natürlich mit der Gema. Ohne Labels konnte man damals keine Musik veröffentlichen. Das Internet als Vertriebskanal für Musik gab es zu der Zeit noch nicht wirklich.

Als dann meine beiden Kinder das Licht der Welt erblickten, war dann erst einmal Pause mit dem wilden Club-Leben und auch die Zeit für Musikproduktionen war nicht mehr wirklich da. Seit einigen Jahren produziere ich aber wieder fleißig und habe mein Studio aufgerüstet, mag mich aber aus politischen Gründen nicht mehr mit der Gema anfreunden. Ohne Gema-Mitgliedschaft ist es aber praktisch unmöglich, einen Plattenvertrag zu bekommen. Deshalb habe ich jetzt beschlossen, meine Musik einfach sukzessive auf Soundcloud hochzuladen.

Den ersten Track habe ich am letzten Wochenende veröffentlicht. Von nun an wird jeder Samstag zu einem “Navigate Saturday“ mit jeweils einer neuen Veröffentlichung. So, watch out for the hashtag #NavigateSaturday. 😉

Stilistisch geht es quer durcheinander. Mal mache ich eher ruhigere Trance-Tracks, dann wieder ein wenig House, Minimal, Techno oder Acidlastiges. Das eine oder andere Mal findet auch eine meiner Gitarren den Weg in die Produktionen oder ich lasse mich zu Eurodance-Produktionen hinreißen. Lasst Euch also überraschen, was da kommt. Wenn Euch mal eine Stilrichtung nicht gefällt, kann es gut sein, das das nächste Stück schon wieder ganz anders daherkommt. Die Labels haben damals in Genre-Schubladen gedacht. Davon möchte ich mich ehrlich gesagt befreien.

Zur Technik: Angefangen hatte ich wie viele Musiker aus dem Bereich auf dem Amiga Anfang der 90er und habe später die Platten dann hauptsächlich mit einem Kurzweil K2000 und einer analogen Bassline produziert. Mittlerweile mache ich alles nur noch mit Propellerhead Reason und einem Haufen Rack Extensions. Reason benutze ich schon seit Version 1.0 und im Laufe der Jahre ist daraus eine absolut geniale Audio Workstation gereift, die ich nur empfehlen kann.

Um die Tracks nicht zu verpassen, könnt Ihr mir bei Soundcloud oder Twitter folgen. Über Feedback, Lob oder konstruktive Kritik zu den Tracks freue ich mich natürlich jederzeit.

Kategorien:Musik

Über die Sichtbarkeit der Piraten

September 9, 2013 3 Kommentare

Es gibt ja öfter mal den Vorwurf, wir Piraten wären nicht wirklich sichtbar. Stellvertretend für viele Diskussionen, die ich deswegen schon geführt habe, möchte ich hier einfach mal zwei Antworten auf meine kürzlichen Anfragen zitieren.

Am Tag vor der Wahl veranstaltet das Rotteck Gymnasium in Freiburg eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „nachgefragt spezial“. Da ich als Kandidat der Piraten nicht eingeladen bin, habe ich nachgehakt. Gerade an Gymnasien kamen unsere Themen immer gut an, was durchaus auch schon dazu führte, dass ich Probeabstimmungen nach der Diskussionrunde gewonnen hatte. und die folgende Antwort bekommen:

Sehr geehrter Herr Martens,

herzlichen Dank für Ihre Kontaktaufnahme und Ihre Nachfrage bezüglich unserer Veranstaltung am 20.09.
In der Vorbereitung des Abends haben wir sehr lange über die Zusammensetzung auf dem Podium nachgedacht. In Anbetracht unserer Erfahrung und der Tatsache, dass zwei Schülerinnen diese 90 Minuten moderieren, war uns bewusst, dass wir einen einigermaßen überschaubaren personellen Rahmen benötigen. Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, nur die Kandidaten der bereits im Bundestag vertretenen Parteien einzuladen. Eine Erweiterung darüber hinaus würde dazu führen, dass eine Begründbarkeit der Teilnahme der einen Partei und eine Nicht-Teilnahme einer anderen Partei nicht erklärbar wäre.

Mit der Bitte um Ihr Verständnis senden wir herzliche Grüße und wünschen viel Erfolg für die anstehende Bundestagswahl.

Herzliche Grüße

Die Badische Zeitung hat derzeit eine Serie über die Direktkandidaten in Freiburg. Ich habe nachgefragt, wann ich als Piratenkandidat an der Reihe bin. Dies ist die Antwort:

Sehr geehrter Herr Martens,

vielen Dank für Ihre Mail. Bei Wahlen ist es für eine Zeitung immer schwierig, wen sie aus der Gruppe der Bewerber vorstellt und wie. Allein in Freiburg kandidieren zwölf Wahlkreisabgeordnete um die Erststimme. Sie alle auf einer ganzen Seite im Kandidatencheck vorzustellen, wäre uns rein schon aus Kapazitätsgründen nicht möglich. Einige kandidieren ja auch jenseits jeder Chance, von den Wählerinnen und Wählern eine meßbare Anzahl Stimmen zu bekommen.

Deshalb mussten wir grundsätzlich überlegen: Was kann das Kriterium für die Kandidatenchecks sein? Nach längerer Diskussion hat die Vorbereitungsgruppe zur Wahlberichterstattung entschieden, dass nur solche Kandidaten vorgestellt werden sollen, die Parteien angehören, die im Bundestag vertreten sind. Das gilt für alle Redaktionen der BZ im gesamten Verbreitungsgebiet.
Abseits des Kandidatenchecks gilt jedoch: Die anderen Kandidaten werden wir ebenfalls vorstellen, wenn auch nicht so ausführlich. Meine Kollegin Simone Höhl wird sich deshalb noch mit Ihnen in Verbindung setzen.

Ich weiß, dass gerade die Piraten auf dem Sprung sein könnten und interessant für viele Wähler sind. Ich hoffe, Sie können unsere Überlegungen trotzdem nachvollziehen. Wenn wir bei den Piraten von der Linie der Redaktion abweichen, kämen – zurecht – andere Kandidaten und würden sich beschweren.

Gerne können wir nochmal telefonieren oder mailen, wenn Sie Fragen oder Anregungen haben.

Freundliche Grüße

So nachvollziehbar die oben aufgeführten Argumente auch sein mögen – sie zementieren die derzeitige politische Landschaft und machen es für Newcomer schwer, die Standpunkte darzulegen.

Über den DGB, der sich ja auch hartnäckig weigerte, mich als Kandidat anzuhören, habe ich ja schon ausführlicher gebloggt.

Podiumsdiskussion im Martin Schongauer Gymnasium Breisach

Juli 17, 2013 3 Kommentare

Momentan geht es mit den Podiumsdiskussionen Schlag auf Schlag. Heute fand eine im Martin Schongauer Gymnasium in Breisach statt. Im Gegensatz zur gestrigen Diskussion im Rieselfeld war diese nicht nur von Schülern vorbereitet worden, sondern fand in Kooperation mit der Badischen Zeitung statt.

Gernot Erler, SPD, war krankheitsbedingt leider verhindert, aber ansonsten waren alle Wahlkreiskandidaten da.

Nach ein paar einleitenden Worten hatte alle Kandidaten zwei Minuten Zeit, sich kurz vorzustellen. Danach ging es direkt in die Themen.

Im ersten Themenblock ging es um Jugend, Bildung und Netzpolitik.

Es wurde gefragt, welche Parteien für die Senkung des Wahlalters sind. Ich habe vorgerechnet, dass man aufgrund der vierjährigen Legislaturperiode ein Durchschnittsalter von 20 Jahren bei den Erstwählern hat und dies deutlich zu spät ist, sich politisch zu beteiligen. Hingewiesen habe ich auch darauf, dass man nicht früh genug damit beginnen kann, Schüler an demokratische Prozesse wie z.B. bei der SMV heranzuführen.

Nächstes Thema war G8/G9. Ich wies darauf hin, dass das G8 meiner Ansicht nach hauptsächlich aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus eingeführt wurde. Man spart Geld bei der Bildung und hat zusätzlich den angenehmen Effekt, dass die Menschen früher auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Deshalb habe ich für das G9 oder zumindest eine Wahlfreiheit plädiert.

Danach ging es direkt zum Thema Netzneutralität, bei dem nur ich als Pirat befragt wurde. Ich verwies auf die Absichten der Drosselkom (der Begriff kam gut an, den kannte dort noch keiner) und erläuterte in dem Zusammenhang, warum man bei der Drosselung auf Deep Packet Inspection zurückgreifen wird und was das bedeutet.

Danach kam ein kurzer Einspieler, bei dem auf Slides die Wahlaussagen der Parteien zu ausgesuchten Themen gegenübergestellt wurden. Ich wurde zweimal direkt gefragt, weil man sowohl bei unseren Bildungsplänen, als auch bei unseren Urheberrechtsplänen Widersprüche zu sehen glaubte. Ich konnte das relativ einfach aufklären.

Weiter ging es mit dem Themenfeld Energie und Umwelt. Dort ging es um das EEG, Fessenheim, Speicherprobleme beim Strom und den Einfluss schlecht regelbarer Kraftwerke auf den Ausbau erneuerbarer Energien. CDU und FDP wollten den Ausbau bremsen, während die anderen Parteien den Erneuerbaren deutlich aufgeschlossener gegenüber standen.

Dann kam der Block Arbeit und Soziales. Wir diskutierten über Mindestlohn, Tariflöhne und die Armutsschere. Der Moderator fragte die Kandidaten, ob sie der Ansicht seien, dass das Vermögen gerecht verteilt ist. Insbesondere der CDU-Kandidat von Marschall eierte bei der Antwort extrem herum. Der Moderator hakte deshalb nochmals explizit nach, indem er fragte, ob er den Status quo für gerecht hält oder nicht. Es folgte ein weiteres Rumgeeiere. Glücklicherweise durfte ich direkt nach ihm ans Mikro und erläuterte an diesem Beispiel, woher die Politikverdrossenheit kommt. Man fragt einen Politiker eine geschlossene(!) Frage, die man mit einem einfach ja oder nein beantworten könnte und erhält nur ausweichende Antworten. Da war Stimmung im Publikum.

Sascha Fiek von der FDP hackte auf den Steuerplänen der Grünen herum. Als Beispiel führte er den Durchschnittslohn von 30000 Euro an und argumentierte, dass man als Paar dann ja schon 60000 Euro hätte und damit direkt durch die grünen Steuerpläne zur Kasse gebeten würde. Auch hier konnte ich punkten, indem ich das als Taschenspielertrick entlarvte. Gerade CDU und FDP haben doch dafür gesorgt, dass man Kinder nur schwer ganztags betreuen lassen kann und demnach ist es unredlich, zwei Vollzeitverdiener in einer Familie zu unterstellen. An dieser Stelle wurde ich dann auch etwas lauter.

Gerade bei der FDP fand ich heute sehr unangenehm, dass dieselbe Platte mit Argumenten gegen die grüne Schulpolitik wie schon gestern gespielt wurde, obwohl Sascha Fiek schon gestern eines Besseren belehrt wurde. Naja, geholfen hat es ihm nicht.

Am Ende durfte jeder noch kurz erläutern, warum man gerade ihn wählen sollte. Ich sagte, dass eine Demokratie nur gesund bleibt, wenn sie einem kontinuierlichen Prozess der Erneuerung unterworfen ist. Deshalb braucht man gelegentlich neue Parteien. Wer einen Staat möchte, der den Bürgern vertraut und sie nicht überwachen will und wer keine Vorratsdatenspeicherung, Bestandsdatenauskunft, Zensur und keine Verletzung von Netzneutralität haben möchte, sollte uns Piraten in den Bundestag wählen. Wir vertreten die Generation Internet.
Wer eine starke Kraft gegen prekäre Arbeitsverhältnisse haben möchte, die sich gegen den Missbrauch von Leiharbeit, Werkverträgen und Praktika ausspricht, der sollte die Piraten wählen. Wir sind die Vertreter der Generation Praktikum.

Nach der Runde gab es einen (leider nicht geheimen) Wahlgang, indem man seinem Lieblingskandidaten eine Stimme geben sollte, indem man einen Aufkleber auf eine Tafel mit den Kandidaten klebt. Davon hingen mehrere im Raum, hier ein Beispiel:

Wahlzettel Breisach

Nach einer Auszählungspause wurden die Ergebnisse verkündet. Genaue Stimmenanzahlen wurden nicht genannt, sondern nur die Platzierungen. Auf dem letzten Platz landete erwartungsgemäß die FDP. Auf dem 5. Platz waren die Linken, die nicht wirklich bei jungen Leuten mit ihren Themen und ihrer Art, diese zu präsentieren ankommen. Platz 4 war für die SPD, wobei man der Fairness halber sagen muss, dass die Vertretung von Gernot Erler nicht auf seinem Niveau spielte. Auf Platz 3 war die CDU. Dann wurde es spannend und man berichtete von einem Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz 1. Auf Platz 2 landete Kerstin Andreae von den Grünen. Das hätte ich beim besten Willen nicht erwartet, denn damit war ich auf Platz 1. Ein verdammt gutes Gefühl, auch wenn ein solches Meinungsbild alles andere als repräsentativ ist. Wie ich schon im letzten Blogpost schrieb, kommen unsere Themen gut an. Wir müssen sie „nur“ vermittelt bekommen.

Deshalb vielleicht als kleine Hommage an Kattaschas Reden: Verdammt nochmal, es hat richtig viel Spaß gemacht. 😉

Kategorien:Uncategorized

Podiumsdiskussion am Kepler-Gymnasium Freiburg

Juli 16, 2013 1 Kommentar

Ich wollte nur kurz von der Podiumsdiskussion am Kepler-Gymnasium Freiburg berichten, bei der ich heute war.

Gut zusammengefasst wird das in folgender Grafik (sorry für den merkwürdigen Aufnahmewinkel, aber ich saß halt direkt vor der Leinwand):

Wahlergebnis Kepler Gymnasium

Es gab zwei Pseudo-Wahlgänge. Die Schüler sollten beim Hereinkommen einen Wahlzettel ausfüllen und ankreuzen, was sie denn wählen würden, wenn heute BTW wäre (rote Balken). Das gleiche Spiel wurde nach der Diskussion gemacht (blaue Balken).

Das Piraten-Ergebnis:
vorher: 10,6 %
nachher: 28.6 %

Linke (2,5%) und FDP (1%) waren unter ferner liefen.

CDU ging von 15 auf 5 Prozent runter, SPD blieb in etwa gleich bei 18%, Grüne verloren rund 10 Prozent, hatten aber auch extrem viel Vorschusslorbeeren mit einem Startwert von 52%.

Fazit: Es hilft, mit Leuten über die Piratenpositionen zu sprechen. Es sind nicht unsere Themen oder Standpunkte, die irgendjemanden abschrecken würden. Wenn man uns nicht wählt, ist das in vielen Fällen einfach die Unkenntnis dessen, wofür wir überhaupt stehen.

Die Themen waren ein ziemliches Heimspiel: Netzpolitik und Erneuerbare Energien. In beiden Feldern sind wir enorm gut aufgestellt und das haben die Schüler gemerkt. Beim Thema Energie konnte ich mit ziemlich vielen konkreten Fakten vor allem zur Windkraft aufwarten, weil ich als kleiner Kommanditist von regiowind eine Menge mitbekommen habe, wie bei solchen Projekten die Finanzlage ist. Bei Netzpolitik haben die Schüler Sachkompetenz von uns erwartet, bei Energie waren sie überrascht.

Ich habe uns am Ende dargestellt als die notwendige Erneuerung, die eine Demokratie braucht. Wie stehen wie keine andere Partei für die Interessen der Generation Internet und der Generation Praktikum.

Alles in allem war es eine von den Schülern sehr gut vorbereitete Veranstaltung, die viel Spaß gemacht hat. Uns hilft dabei auch sehr, dass wir den Wahlkampf nicht so verbissen angehen müssen. Während andere Parteien versuchen, ihre Position zu halten, weil Mandate dranhängen, können wir ganz entspannt sein. Wir können nur gewinnen und nichts verlieren. Da darf man dann auch mal selbstironisch antworten. 😉

Kategorien:Uncategorized