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Gemeinschaftsschule Gundelfingen – Warum für uns das Experiment nach einem Jahr beendet ist

März 18, 2017 5 Kommentare

Vorwort

Schon seit Jahren bin ich auf politischer Ebene großer Verfechter der Idee, dass Kinder länger gemeinsam in einem individuellen Kurssystem lernen sollten und habe an Partei-Infoständen und bei Podiumsdiskussionen in zahlreichen Fällen versucht, meine Mitmenschen von dem Modell der Gemeinschaftsschule zu überzeugen. In der Theorie ist das Modell mit seiner Kompetenzmatrix und der Möglichkeit, in einigen Fächern mehr und in anderen weniger tief in die Materie einzutauchen, sehr gut. Es gibt auch Schulen, an denen das offenbar gut in die Praxis umgesetzt wird.

Im Folgenden muss ich leider über unsere Erfahrungen an einer Schule schreiben, an der das Konzept ungenügend umgesetzt worden ist und wir nach einem Jahr die Konsequenz gezogen haben, dass wir unser Kind dort wegholen müssen, um Schlimmeres zu verhindern. Mit diesem Text möchte ich dazu beitragen, dass Eltern, die sich den Besuch der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule in Gundelfingen (bei Freiburg) überlegen, genau wissen, worauf sie sich dort eventuell einlassen. Es mag sein, dass einige Kinder mit der Art der Schule gut zurechtkommen. Für uns war es ein verlorenes Jahr und wir bereuen, uns auf dieses Experiment eingelassen zu haben.

Unsere Schulwahl

Wir haben zwei Kinder. Während bei Kind 1 alles recht rund lief und es derzeit das Gymnasium besucht, war es bei Kind 2 etwas mehr durchwachsen. Am Ende der 4. Klasse teilte man uns mit, dass es in Mathematik zu den Besten seiner Klasse gehöre und mit dem Fach auf dem Gymnasium gut mitkommen würde, aber es in Deutsch leider schlechter aussähe. Das Modell der Gemeinschaftsschule schien daher wie perfekt gemacht für diesen Fall, da beide Fächer individuell auf verschiedenen Schwierigkeitsstufen gelehrt werden könnten.

Das Versprechen der Transparenz

Bei der Schulvorstellung an der Gemeinschaftsschule Gundelfingen am 13.07.2015 sagte man uns, dass man sich bemühen werde, jede Woche einen kleinen Lernstandsbericht in ein Heft namens „Albert-Planer“ einzutragen – die Einbeziehung der Eltern sei ihnen sehr wichtig. Für uns war das eines der wichtigsten Argumente für die Schulwahl. Wir sind keine Helikopter-Eltern, aber grundsätzlich möchten wir schon wissen, wie sich unser Kind in der Schule entwickelt, damit wir gemeinsam zu Hause üben können, wenn es mal Schwierigkeiten gibt.

Es wurde uns das Modell der Kompetenzmatrix und den damit verbundenen Gelingensnachweisen vorgestellt. Dieses sollte dazu führen, dass die Kinder individuell unterschiedlich schnell im Stoff voranschreiten können und gleichzeitig klar ist, wo sie in Bezug auf ihre Leistung stehen. Es wurde aber auch angemerkt, dass das Modell der Gemeinschaftsschule an der ehemaligen Werkrealschule erst in das zweite Jahr ginge und daher noch nicht alles rund liefe – man sei aber dankbar für Feedback von der Elternschaft und bereit, etwas zu ändern, wenn man feststelle, dass es Verbesserungsbedarf gäbe.

Der Elternbeirat

Da sich am ersten Elternabend – wie leider an so vielen Schulen – alle wegduckten, als die Frage aufkam, wer denn Elternsprecher im Elternbeirat werden möchte, habe ich mich bereiterklärt, das zu übernehmen. Ich fand die Idee spannend, bei einer neuen Schulform gestaltend mitwirken zu können. In dem Zuge habe ich unter anderem mit einem der ehrenamtlichen Helfer dort eng zusammengearbeitet und ihn über unsere Computertruhe mit kostenlosen Laptops versorgt, mit denen er Leseprojekte mithilfe einer Spezialsoftware mit schwächeren Schülern durchführen konnte. Vielen Dank an dieser Stelle an die Ehrenamtlichen dort, die wirklich einen tollen Job machen, aber leider nicht herausreißen können, was an anderer Stelle kaputt gemacht wird.

Informationsdefizit bei den Eltern

Nachdem ein paar Wochen vergangen waren, wurde uns so langsam klar, dass es keine wöchentlichen Lernstandsberichte gab. Es gab offenbar nicht einmal monatlich ein Feedback. Es gab bis zum ersten Halbjahreszeugnis letztendlich gar keines. Ich sprach den Schulleiter in einer der Elternbeiratssitzungen auf die Diskrepanz zum Anfangsversprechen an. Er gab zu, dass man das Thema unterschätzt hätte und hier seinem Anspruch nicht gerecht wurde. Als ich das Thema bei der nächsten Elternbeiratssitzung nochmals ansprach, konnte er sich plötzlich nicht mehr erinnern, das wöchentliche Feedback an die Eltern überhaupt jemals versprochen zu haben. Die Elternbeiratsvorsitzende riet mir gar, ich müsse lernen, loszulassen. Mir fehlten ehrlich gesagt die Worte. Wir sprachen hier immerhin über Fünftklässler und Eltern, die gern ihre Kinder unterstützen würden, aber von der Schule von jeglicher Information ausgeschlossen wurden.

Die Unterrichtsinhalte

Da offenbar die Schulleitung keine Antwort auf die Frage hatte, wie wir als Eltern überhaupt nachvollziehen sollen, was die Kinder dort lernen, gingen wir auf den Klassenlehrer zu, der hauptsächlich das Fach Deutsch unterrichtete. Er gab uns keine direkte Antwort, sondern empfahl uns, in den Arbeitsordner unseres Kindes zu schauen, der an dem Arbeitsplatz des Schülers in der Schule stand. In diesem war aber so gut wie nichts enthalten. Damit konfrontiert, räumte er ein, dass die meisten Übungsaufgaben auf abwischbaren, laminierten Zetteln gemacht würden, die man immer wieder verwende. Ich habe bis heute nicht herausfinden können, was die Schüler dort tatsächlich im Unterricht gemacht haben. Das ganze Jahr über haben wir übrigens auch kein einziges Diktat oder Aufsatz zu sehen bekommen. Leider konnten wir auch nicht, wie an anderen Schulen, anhand von Hausaufgaben nachvollziehen, was die Kinder gerade für einen Stoff lernen und ob sie damit zurechtkommen. Es handelt sich nämlich um eine Ganztagsschule, in der es keine Hausaufgaben gibt.

Die Gelingensnachweise

Grundprinzip der Gemeinschaftsschule ist es, dass es keine gemeinsamen Klassenarbeiten gibt, sondern dass die Kinder sich selbst, wenn sie sich dazu bereit fühlen, zu einem Gelingensnachweis anmelden. Unterstützung dabei sollte von Lern-Coaches kommen, die regelmäßig die Situation mit den Kindern beraten. Erst sehr spät ist uns aufgrund komplett fehlender Informationen seitens der Schule klar geworden, dass wir als Eltern offenbar weder darüber informiert wurden, wann ein solcher Test stattfinden würde, noch welches Thema er hat. Unser Kind hatte sich offenbar schon erfolglos an Gelingensnachweisen versucht, ohne dass wir davon als Eltern vorher oder nachher Kenntnis hatten und gemeinsam hätten üben können. Wir hatten aber auch im Nachhinein keinen vom Lehrer korrigierten Test mit nach Hause bekommen. Ich hakte nach und musste mir vom Schulleiter erklären lassen, dass man einem Netzwerk von Schulen angehöre, das gemeinschaftlich die Lerninhalte erarbeite und die Gelingensnachweise aufgrund einer Urheberrechtsproblematik nicht die Schule verlassen dürften. Als jemand, der politisch für mehr Transparenz, eine Reform des Urheberrechts und freie Lerninhalte streitet, war ich ziemlich geschockt. Mit anderen Worten, damit das nochmal klar wird: Die Kinder melden sich ohne Kenntnis der Eltern zu einem Test an und der geschriebene Test wird den Kindern nicht zur Mitnahme ausgehändigt. Somit können die Eltern weder die Benotung nachvollziehen, noch sehen, wo die Stärken und Schwächen der Kinder sind – geschweige denn, dass sie überhaupt erfahren, dass es einen solchen Test gegeben hat. Selbst bei mehrfachen erfolglosen Versuchen, einen solchen Test zu bestehen, kamen die Lehrer nicht auf die Idee, mal die Eltern darüber in Kenntnis zu setzen bzw. das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Das ist völlig inakzeptabel!

Mit der freiwilligen Anmeldung zu Gelingensnachweisen gibt es zusätzlich das Problem, dass Kinder, die weniger Ehrgeiz mitbringen, weniger Selbstvertrauen haben oder gar Angst vor bestimmten Lehrern haben, womöglich gar keine Tests schreiben. Deshalb regte ich an, dass man die Eltern in irgendeiner Form über den durchschnittlichen Lernstand der Klasse unterrichten könnte. Die Eltern wären dann in der Lage zu beurteilen, ob ihr Kind irgendwie mitschwimmt, den anderen voraus ist oder gerade abgehängt wird. Man lehnte das ab, da man keinen Konkurrenzkampf zwischen den Kindern wolle. Gerade der spielerische Konkurrenzkampf an der vorherigen Schule war es aber, der bei unserem Kind zu den guten Leistungen in Mathematik und großer Motivation geführt hatte.

Individuelles Lernen versus Klassengröße

Die Klassen waren mit jeweils 26 Schülern relativ groß. In den individuellen Lernstunden waren die Kinder teilweise über mehrere Räume verteilt. Die Betreuer hatten praktisch keine Chance, wirklich alle Kinder ausreichend im Blick zu haben. Wenn ein Kind es also geschickt anstellte, konnte es in den Lernstunden einfach gar nichts machen und keinem fiel es auf.

DiLer

DiLer steht für „Digitale Lernplattform“. Hierbei handelt es sich um eine Website, mit der man die Eltern in die Lage versetzen möchte, den Lernfortschritt der Kinder zu beobachten. Die Seite befindet sich noch im Aufbau und wurde im Laufe des Schuljahres nur sehr zaghaft mit Informationen gefüllt. Mein Versuch, über die enthaltene Nachrichtenfunktion mal mit einer Lehrerin in Kontakt zu treten, war leider erfolglos. Ich fragte dann mündlich nach, um mir anzuhören, dass man als Lehrer nicht bei jeder neumodischen Sache mitmachen müsse.

Auf der Plattform sollen wohl auch Lerninhalte hinterlegt werden, die aber meines Wissens nach nur den Lehrern zur Verfügung stehen werden. Die Nutzung der Plattform ist nach meinem Verständnis auch Ursache für das oben genannte Urheberrechtsproblem mit den geschriebenen Tests.
Generell finde ich solch eine Plattform als Ergänzung zu den üblichen Kommunikationswegen eine gute Sache. Wenn aber auch schon die herkömmlichen Wege nicht genutzt wurden, wüsste ich nicht, warum es sich mit einem neuen Tool bessern sollte. Außerdem wäre es bei der Nutzung einer solchen Plattform sinnvoll, die Eltern in der Benutzung zu schulen. Nicht jeder ist unbedingt so computeraffin, dass er ohne Erklärungen damit zurechtkommt.

Die Zukunftsaussichten

Für Eltern ist es immer eine sehr schwere Entscheidung, die Kinder aus dem gewohnten Umfeld herauszureißen und bei einer anderen Schule anzumelden. Ich hatte deshalb kurz vor Ende der Sommerferien nochmals einen Anlauf unternommen, um vom Schulleiter wenigstens das Versprechen zu bekommen, dass die Schule in Zukunft sicherstellt, dass die Kinder Termine und Themen von geplanten Gelingensnachweisen für die Eltern notieren. Das Versprechen bekam ich nicht. Es wurde mir nur zugesagt, dass das im Kollegium nochmals diskutiert werden würde. An der Praxis, dass die Kinder die geschriebenen Klassenarbeiten nicht mit nach Hause nehmen dürfen, würde sich aufgrund der Urheberrechtsproblematik leider auch nichts ändern können. Ich solle mir aber keine Sorgen machen, da die Lehrer im nächsten Schuljahr alle mit iPads ausgerüstet werden würden und somit über DiLer mehr Kontakt zu den Eltern halten könnten. Ich bin aber Informatiker und dem Versprechen, dass man mit dem Einsatz neuer Technik Kommunikationsprobleme lösen könnte, gehe ich schon lange nicht mehr auf den Leim. Weil mir also klar wurde, dass auch im nächsten Schuljahr nichts besser werden würde, haben wir uns zum Schulwechsel entschlossen.

Fazit

An der Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule in Gundelfingen

  • gibt es kein regelmäßiges Feedback von den Lehrern an die Eltern – eigentlich gab es bei uns außer den Halb- und Ganzjahreszeugnissen gar keines
  • aufgrund der Konzeption als Ganztagsschule gibt es keine Hausaufgaben, an denen die Eltern den momentanen Unterrichtsstoff ablesen könnten
  • erfährt man nicht, wann das Kind einen Test schreiben wird und was er zum Thema hat
  • kann man seinem Kind daher nicht helfen, sich auf einen Test vorzubereiten
  • bekommt man einen geschriebenen Test aus urheberrechtlichen Gründen nicht mit nach Hause
  • und kann somit überhaupt nicht nachvollziehen, ob das Kind mitkommt oder nicht, wo es Stärken und Schwächen hat und ob die Benotung überhaupt korrekt ist.

Diese Schule ist dann eine Option, wenn das Kind sich sehr selbständig durch die Unterrichtsinhalte kämpfen und sich eigenständig motivieren kann, sich zu immer neuen Gelingensnachweisen anzumelden und wenn man als Eltern eigentlich gar nicht so genau wissen möchte, was das Kind da den ganzen Tag treibt und im Grunde nur froh ist, dass es möglichst lange in einer Ganztagsschule untergebracht ist.
Ich persönlich kann zumindest in der derzeitigen Ausgestaltung nicht empfehlen, sein Kind auf die Albert-Schweitzer-Gemeinschaftsschule zu schicken. Alles scheint noch in der Beta-Phase zu sein. Eltern möchte man dort nicht mit einbinden. Kritik an der Ausgestaltung führt zu keiner Reaktion seitens der Verantwortlichen. Ein Änderungswille ist kaum erkennbar, weil man aufgrund des allgemein guten Images von Gemeinschaftsschulen wohl derzeit sowieso genügend Anmeldungen erhält. Ich habe den Eindruck, dass die Umstellung von der Werkreal- zu einer Gemeinschaftsschule in diesem speziellen Fall nur erfolgte, weil man die Schule angesichts sinkender Anmeldezahlen retten wollte. Mit Überzeugung scheint dort niemand an das Thema herangegangen zu sein.

Es reicht, dass wir diese Erfahrung gemacht haben. Wenn ich anderen, die große Erwartungen mit dieser speziellen Schule verknüpfen, dieses Drama ersparen kann, hat sich dieser Text schon gelohnt.

Erfahrungen nach dem Schulwechsel

Wie anfangs erwähnt, war unser Kind in der Grundschule in Mathe ziemlich gut. Am Ende des Schuljahres auf der Gemeinschaftsschule stand im Zeugnis, dass es in Mathe nicht in allen Belangen den Mindeststandard erreicht hätte (wohlgemerkt ohne, dass sich die Lehrerin jemals bei uns gemeldet hätte). Jetzt, nach dem Wechsel auf eine Realschule, liegt unser Kind wieder bei einer guten 2 und anhand von Klassenarbeiten und Hausaufgaben wissen wir auch genau, was dort passiert. Wir haben die Wechselentscheidung nicht eine Sekunde lang bereut.

Ergänzung vom 19.3.17
Da offenbar missverständlich ist, was es mit der wöchentlichen Rückmeldung im sogenannten Albert-Planer auf sich hatte, hier noch eine kleine Konkretisierung:

Die regelmäßige kleine wöchentliche Rückmeldung war nichts, was wir ursprünglich verlangt haben, sondern es war vielmehr das Werbeargument mit dem der Schulleiter bei der Schulvorstellung versucht hat, die anwesenden Eltern von einer Anmeldung ihrer Kinder auf der Schule zu überzeugen, weil man ja so „offen und transparent“ sei. Ich habe den Schulleiter in den Elternbeiratssitzungen lediglich an seine eigenen Aussagen erinnert und erwähnt, dass ursprünglicher Anspruch und konkrete Umsetzung gewaltig auseinanderklaffen. Seine Reaktion darauf habe ich oben beschrieben.

Zum Vorwurf, der auch über Twitter kam, wir seinen offenbar doch Helikoptereltern sei nur gesagt, dass wir auf der jetzigen Realschule im bisherigen Schuljahr genau bei drei Gelegenheiten mit dem Klassenlehrer gesprochen haben: beim Elternabend, bei einem Klassengrillfest und bei einem von der Schule organisierten Elternsprechtag. Mehr war auch gar nicht nötig, weil wir jetzt durch den Einblick in die ausgehändigten Klassenarbeiten und aufgegebenen Hausaufgaben genügend über den Lernfortschritt unseres Kindes erfahren. Und ja, die Klassenarbeiten werden auch vorher angekündigt, weshalb man dafür sogar üben kann.

Mir ist bewusst, dass das Thema Gemeinschaftsschule im Diskurs bisweilen gar religiöse Züge annimmt, was aber bitte nicht dazu führen sollte, meinen Text hier mutwillig fehlzuinterpretieren. Das eigentliche Konzept der Gemeinschaftsschule halte ich immer noch für sehr gut, nur die konkrete Ausgestaltung an der hier genannten Schule ist – vorsichtig formuliert – suboptimal. Ich selbst habe lange politisch für die Gemeinschaftsschule gekämpft und bin vielleicht gerade deshalb so maßlos enttäuscht darüber, dass es offenbar Schulen gibt, die das Konzept nur als Vehikel nutzen, um als ehemalige Werkrealschule nicht von einer Schließung bedroht zu sein und ansonsten gar nicht dahinter stehen.

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